Morphin – Szczepan Twardoch (2014)

Rowohlt

Rowohlt Cover Morphin

Zwischen Krieg, Identitäten und Drogen

»Morphin« – Szczepan Twardoch

Der Boxer hat es mir angetan. Darüber habe ich ja schon geschrieben, ihr habt es vielleicht gelesen. Twardochs drittes Werk war das. Ich habe mich jetzt mal seinem zweiten und wohl in Polen erfolgreichsten Werk angenommen – Morphin. Das Setting ist ähnlich. Während Twardoch den Leser in »Der Boxer« in das Polen der 20er Jahre entführte, ist Morphin in den 30er Jahren angesiedelt und beginnt kurz nach der Machtübernahme der Deutschen. Also Ende der 30er Jahre. Ja, die Geschichte Polens spielt auch hier wieder eine große Rolle, jedoch schafft Twardoch es auch hier, dass der Roman nicht zu historisch wird, sondern konzipiert einen Plot, der von der ersten bis zur letzten Seite spannend ist. 

Der Protagonist Konstanty Willemann fühlt sich verloren im »neuen« Warschau, er erkennt seine Stadt nicht wieder, weiß nicht, wohin mit sich. Ablenkung findet er bei Prostituierten, Alkohol und Morphin. Die Sucht treibt ihn durch die Straßen, rastlos. Zu seiner polnischen Frau kann er nicht zurück, da er Sorge hat, dass ihn die Deutschen dort finden. Doch der Roman kann mehr als nur Geschichte und Identitätssuche des Protagonisten. Nach und nach entwickelt sich ein Spionage-Roman. Denn Willemann, verloren und ziellos, schließt sich dem polnischen Untergrund an und ist durch seine deutsche Herkunft und seinen Namen prädestiniert für diese Aufgabe. Im Umgang mit deutschen Soldaten und gefälschten Papieren der Wehrmacht fällt keinem auf, dass er gar kein Deutscher ist. Seine Aufgabe besteht darin, Kontakte der Untergrundorganisation aufzufinden und die Idee eines neuen, unabhängigen Polens zu unterstützen. Dabei darf er auf keinen Fall auffliegen, weder seine Freunde noch seine Familie darf davon erfahren.

Es ist ein Versteckspiel. Auch die Unterstützer der Organisation dürfen nichts von seiner Sucht und den Frauen wissen, und auch wenn seine Rolle als Spion ein Grashalm ist, der ihm hilft auf der Suche nach sich selbst, so ist es trotzdem nie einfach für ihn. Und gerade wenn man als Leser denkt, jetzt, ja jetzt hat er doch alles im Griff, dann überschlagen sich die Ereignisse wieder. Wie soll es auch anders sein? In einem Land, das erschüttert ist vom Krieg, einem Krieg, der noch lange nicht zu Ende ist. In einer Stadt, in der tausende Menschen ohne Essen und Wohnraum leben. In Zeiten, in denen Alkohol günstiger zu haben ist als Brot ... und eben Morphin, das einen all die Grausamkeiten vergessen lässt. 

Der Erzählstil ist ein bekannter, wenn man denn schon Der Boxer gelesen hat, mit einer Besonderheit. So wechselt die Erzählperspektive immer wieder zwischen der Ich-Perspektive und einer auktorialen Erzählinstanz. Also einer Erzählstimme, die ihn, Willemann, beobachtet und über viele Ereignisse, seien sie vergangen oder in der Zukunft liegend, Bescheid weiß. So fragt man sich als Leser, wer ist das? Wer spricht hier? 

590 Seiten Spannung und Geschichte, mit einem Ende, das sich gelohnt hat. Mir hat es sehr viel Spaß gemacht, das Buch zu lesen und für alle, denen »Der Boxer« gefallen hat, eine absolute Empfehlung. 

Viel Spaß dabei, ich freue mich auf eure Meinungen.
Sebastian Becker

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.