(Deutsch) Waguih Ghali – Snooker in Kairo (2018)

C.H. Beck

Kultbuch des arabischen Frühlings

Im Literaturclub bin ich auf diesen Roman aufmerksam geworden. Dabei fiel nicht nur die Kritik sehr positiv aus, sondern auch der Hintergrund der Geschichte interessierte mich. Der C.H. Beck Verlag beschreibt das Buch auf der Verlagsseite als »einen ägyptischen Fänger im Roggen«, in dem der Ich-Erzähler Ram aus seinem Leben im Ägypten der 50er-Jahre erzählt. Er selbst stammt aus der ägyptischen Oberschicht, allerdings nicht unbedingt aus einer sehr reichen Familie. Viele seiner Freunde und Verwandten haben jedoch viel Geld, was letztlich auch ihm zugute kommt, denn so kann auch er sich einen Lebensstil erlauben, der ihm eigentlich nicht ganz zusteht. Er hält sich in vielen Kneipen auf, spielt Glücksspiele und betrinkt sich regelmäßig. Klingt zunächst einmal nach einer ausgelassenen Zeit für einen jungen Ägypter, wären da nicht die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der Zeit.

Es ist die Zeit des Nasser-Regimes. Ein Volksheld, der Freiheit versprach und letztlich eine Diktatur schuf. Die Familien der Oberschicht sind europäisch geprägt, haben teilweise in England, Frankreich sowie Amerika studiert und sind gar nicht religiös. In dieser Welt versuchen sich Ram und seine Freunde zurechtzufinden, was nicht immer leicht ist, denn es ist vielmehr eine Suche nach Identität. Weder fühlen sie sich als Ägypter noch als Europäer. Ram verortet sich politisch links, richtig überzeugt ist er davon jedoch auch nicht. Es ist die Geschichte einer Suche. Wohl deshalb - und wegen seiner Erzählhaltung - zieht der Verlag den Vergleich zum Fänger im Roggen.

256 Seiten sind dabei sehr überschaubar und lassen leider wenig Platz für thematische Tiefe. Jedoch schaffen sie einen sehr guten Eindruck der Stimmung und der Probleme der ägyptischen Gesellschaft in den 50er-Jahren. Die Neuauflage des Buchs wurde während des arabischen Frühlings zu einem Kultbuch für junge Ägypter, was zeigt, dass die Identitätssuche bis heute andauert.

Eine interessante und teilweise auch sehr lustige Lektüre, die man leider etwas schnell durchgelesen hat. Lesenswert ist sie allemal.

Viel Spaß dabei, ich freue mich auf eure Meinungen.
Sebastian Becker

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