(Deutsch) Über “Herkunft” von Saša Stanišić (Luchterhand 2019)

Luchterhand

Saša Stanišić – Herkunft

Als einen »Sprachspieler« betitelte Ijoma Mangold ihn in der aktuellen Ausgabe der Zeit.  »Er ist einfach einer unserer besten Erzähler«, schreibt Richard Kämmerlings in der Welt. Ich durfte ihn vergangenen Mittwoch im Literarischen Zentrum Göttingen bei einer Lesung kennenlernen und kann dies nur bestätigen. Die Rede ist von Sasa Stanišić, der mit seinem neuen Roman Herkunft (Luchterhand 2019) direkt in den Spiegel Bestsellern gelandet ist. Das heißt zunächst nicht viel, außer dass das Marketing des Luchterhand Verlags gut gearbeitet hat, allerdings ist der Platz in der Beletage der deutschen Literatur hier sogar angebracht. Schon der Erzählband Fallensteller (Luchterhand 2016) gab einen Eindruck der sprachlichen Finesse des Autors. Gespickt mit Kalauern und märchenhaften Beschwörungen entführte er 2016 schon seine Leser, damals jedoch in handlichen kleinen Happen, eben in Erzählungen. 

Der Roman Herkunft ist ein teils fiktives, teils autobiografisches Werk und es gibt wohl keine bessere Biografie als die Stanišićs, um der Frage der Herkunft auf den Grund zu gehen. Das ist es nämlich, womit sich der Roman beschäftigt. Was ist Heimat? Wo liegt sie? Etwa dort wo man geboren ist oder doch eher dort, wo man sich am längsten aufgehalten hat? Dort wo man wohnt? Diese Fragen sind nicht nur zeitgemäß und im aktuellen Zeitgeist nicht mehr wegzudenken, sondern auch gar nicht so leicht zu beantworten, wie der Roman deutlich macht. 

Stanišić selbst ist 1974 in Visegrad geboren, einer kleinen Stadt im ehemaligen Jugoslawien. Doch als der Vielvölkerstaat zerbricht, flieht er mit seinen Eltern nach Deutschland, um genauer zu sein: nach Heidelberg. Was es heißt, fremd zu sein in einem Land, lernt der noch junge Sasa früh. Ihm wird bewusst, dass sein Fremdsein besonders vor der Kulisse der Fachwerkhäuser auffällt. Er erkennt, dass es besser ist, sich als Slowene auszugeben statt als Bosnier, denn dann ist man immerhin kein Opfer. Er sagt, er liebe die Alpen, denn so hat er wenigstens etwas mit den Deutschen gemeinsam. 

In Herkunft schafft es Stanišić erneut, auf seine spielerische Art diese doch sehr komplexen Fragen NICHT zu beantworten. Aber das muss er auch gar nicht, denn was deutlich wird, ist, dass Herkunft keine Frage der Abstammung ist, sondern...

Allen, die Stanišić schon durch vergangene Romane kennen, empfehle ich dieses Werk definitiv und auch denen, die ihn noch nicht kennen, kann ich Stanišić nahelegen. Allerdings ist Herkunft dafür vielleicht der falsche Einstieg. Durch seine leicht zugängliche und abschließende Art und Weise eignet sich dann wohl am meisten der Erzählband Fallensteller.

Viel Spaß!

Sebastian vom Lektorat Becker&Schütz

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *