(Deutsch) Matthias Nawrat – Der traurige Gast

Rowohlt Verlag

Matthias Nawrat - Der traurige Gast

'Und so lang du das nicht hast,

dieses Stirb und Werde,

bist du nur ein trüber Gast

auf der dunklen Erde.'

Das sind die Zeilen der letzten Strophe aus Goethes Gedicht Selige Sehnsucht, in dem er sich auf unterschiedlichster Art dem Tod nähert und dabei immer wieder auf das Unverständnis der „Anderen“ stößt. Der traurige Gast ist der Titel des dritten Romans von Matthias Nawrat, einem Schriftsteller mit polnischen Wurzeln, der mittlerweile in Berlin lebt und schreibt. In diesem Jahr verfehlte er mit diesem Roman nur knapp den Preis der Leipziger Buchmesse, was unter Anbetracht der Konkurrenten auch nicht wirklich leicht war. Und auch bei ihm spielen der Tod und das Leben eine wesentliche Rolle, aber auch die Zeit. Was genau ist denn die Zeit eigentlich?

In seinem Roman begleitet der Leser den namenlosen polnischen Protagonisten auf seinen Streifzügen durch das Berlin der Gegenwart, um noch präziser zu sein, das Berlin um die Zeit des Anschlags auf dem Breitscheitplatz. Dabei begegnet er den unterschiedlichsten Menschen und hört diesen Menschen zu, während sie ihm ihre Lebensgeschichte erzählen. All das, was letztlich dazu geführt hat, wie sie nun vor ihm sitzen im Berlin des Jahres 2016. Dabei wird deutlich, wie sich das Vergangene in die Gegenwart einfügt und wie all die Entscheidungen und Wege, ob gewollt oder nicht, ihren Einfluss haben auf das Jetzt. 

Im Interview mit Deutschlandfunk Lesart äußerte sich Nawrat im Januar dazu so: 

„In dem Fall [dem Roman Der traurige Gast] habe ich festgestellt, dass wenn es mir um so eine Art Beschreibung der europäischen Geisteslandschaft geht, muss das einerseits natürlich in die europäische Geschichte zurückreichen, andererseits in der Gegenwart irgendwie diese Spuren dieser Geschichte aufmachen oder aufzeigen, und da habe ich festgestellt, dass das funktioniert über dieses Erzählen.“

Eine interessante Idee, vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage und der Situation in Berlin als polnischer Einwanderer, der zwar schon lange in Deutschland lebt, den aber auch seine Herkunft, seine Vergangenheit immerfort begleitet.

Im Protagonisten flackern als Reaktionen auf die Geschichten der anderen Figuren immer wieder Wut und Traurigkeit auf, die er allerdings nicht wirklich zum Ausdruck bringen kann. Seine Gedanken bleiben gedacht und verschwinden dann wieder in den Wogen des Alltags, so wie es vielleicht auch der eine oder andere Leser von sich selber kennt. Die Konfrontation mit der Zeit, dem Jetzt und der gesellschaftlichen Lage wird geschluckt von Nebensächlichkeiten und fristet dort weiter ein unausgesprochenes Dasein. Die Figuren leben in einer transzendentalen Obdachlosigkeit, zwar haben sie ihren festen Ort, ihre Wohnungen, aber ihr Geisteszustand ist in ständiger Unruhe. Ähnlich wie in den Köpfen der Europäer, in Zeiten der gesellschaftlichen Umbrüche. 

Ein ruhiges Buch, das ohne packende Spannung auskommt. Die es jedoch auch gar nicht benötigt. Sehr empfehlenswert für alle, die gerne etwas mit Tiefgang lesen.

Erschienen ist Der traurige Gast im Rowohlt Verlag, kostet 22,- € und hat 299 Seiten.

Viel Spaß

Euer Sebastian Becker

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