(Deutsch) GRM Brainfuck – Sibylle Berg

Kiepenheuer&Witsch

Brainfuck...trifft es ganz gut!

Um dieses Buch ist in den letzten Wochen/Monaten wohl keiner so richtig herumgekommen. Auch ich nicht. Die Rede ist von »GRM« – Brainfuck, dem neusten Roman von Sibylle Berg. Zum einen mag dies dem Umstand geschuldet sein, dass hinter dem Roman eine enorme Marketing-Maschinerie steckt, die auf den unterschiedlichsten Kanälen den Roman bewirbt, auf der anderen Seite liegt es sicher an der unerbittlichen Radikalität, die dieses Werk mit sich bringt. 

Die Leserschaft ist ja von Sibylle Berg schon so Einiges gewohnt, allerdings sticht dieser Roman doch noch etwas deutlicher hervor als ihre anderen. Warum? Ja, es ist der Stil, die Unbarmherzigkeit, fast eine Abrechnung mit der Gegenwart. Radikal, vulgär, dystopisch. Wobei die Autorin sich weigert diesen Roman als Dystopie zu bezeichnen, dabei ist es eigentlich genau das. Beziehungsweise hoffen wir mal, dass es eine Dystopie ist. Würden sich Bergs Vorhersagen nämlich bestätigen, möchte ich nicht mehr Teil der Gesellschaft sein.

»Begreif doch bitte, dass wir keinen Wert haben. Als Lebewesen haben wir nur eine Bedeutung, wenn wir uns durch irgendetwas auszeichnen. Ein Vermögen am besten, oder einen Start-up-Verstand. Irgendeine herausragende Gabe wie Klavierspielen oder Ballspielen, irgendein Scheiß, mit dem andere ein Vermögen machen können. Wenn du nicht zum Erstarken der Wirtschaft beiträgst oder die Leute mit einem Gesangstalent von ihrem Leutesein ablenken kannst, ist ein wenig vermessen, eine Prämie dafür einzufordern, dass deine Eltern gefickt haben. [...] Friss es.«

Aber ja, so viel Dystopie steckt da gar nicht mehr drin. Berg spinnt unsere aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen einfach nur weiter, treibt sie auf die Spitze, aber fern sind wir diesem Zustand auch nicht mehr. Gerade das macht das Buch so interessant. 

Erzählt wird die Geschichte einiger Jugendlicher in einer Post-Brexit-Zeit in Rochdale und dem südlichen London. Sie versuchen in einer Zeit, in der der Neoliberalismus in seiner Blüte steht, über die Runden zu kommen. Die Medien, wie wir sie heute kennen, sind eine düstere Verlängerung dessen, was sie jetzt schon sind. Die Exekutive, das Militär und die Polizei sind in den Händen privater Firmen, die Gesellschaft gespalten. Mehr als je zuvor. Vor dieser Kulisse treffen sich die Protagonisten und versuchen gemeinsam, ohne ihre Eltern, die sie schon längst im Stich gelassen haben, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Teil ihrer Mission ist auch der Kampf gegen die Regierung, die versucht, jedem Bürger einen Chip zu implantieren, um die totale Überwachung zu erlangen.

Geschrieben ist der Roman in einem schnellen Stil, der den Leser kaum durchatmen lässt, gespickt mit vulgären Slang-Wörtern. Diesen Stil hat sich Sybille Berg von Grime-Künstlern aus England abgeschaut. Grime ist eine noch recht neue Musikrichtung, die ursprünglich aus dem Punk entstanden ist. Nun verschmilzt sie mit Rap- und Trapmusik und wird zu Grime. Einem rasanten Musikstil, mit dem sich die hinter der Gesellschaft zurückgebliebenen Jugendlichen der Londoner Vorstädte Luft zu machen versuchen. Genau das Richtige also für die Protagonisten in Bergs neuen Roman.

Wer mit diesem brutalen Stil und den entsprechend verstörenden Passagen umgehen kann, sollte sich dieses Buch auf jeden Fall zulegen. Das Werk gibt es bei Kiepenheuer&Witsch mit 634 Seiten für 25,00 €. Das ist teuer, lohnt sich aber auf jeden Fall.

Hier gibt es den Buchtrailer, der einen dezenten Einblick gibt:

Viel Spaß beim Lesen und wie immer würde ich mich über Kommentare von euch freuen.

Sebastian Becker

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